Sturm auf die „Festung Europa“ | Von Dirk C. Fleck

Dies ist das Anfangskapitel meines Romans „GO!-Die Ökodiktatur“ aus dem Jahre 1993, für den mich die Kritik damals durchweg zerrissen hat. Der Spiegel schrieb: „Fleck gehört mit diesem Machwerk in die gelbe Tonne des dualen Systems getreten.“ 22 Jahre sp&

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Dies ist das Anfangskapitel meines Romans „GO!-Die Ökodiktatur“ aus dem Jahre 1993, für den mich die Kritik damals durchweg zerrissen hat. Der Spiegel schrieb: „Fleck gehört mit diesem Machwerk in die gelbe Tonne des dualen Systems getreten.“ 22 Jahre später erschien Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung.

Ein Meinungsbeitrag von Dirk C. Fleck.

Informationsminister Martin Heiland stocherte nervös in seinem Essen. „Siehst blass aus,“ bemerkte Peter Buchholz. Als sein Freund nicht reagierte, versuchte er es mit einem Scherz: „Ich werde den Piloten bitten, die Kiste so richtig ins Trudeln zu bringen, das belebt. Die Spanier verstehen sich auf solche Kunststückchen.“

Heiland schob den Teller beiseite: „Du fliegst allein,“ sagte er und stand auf.

„O nein, mein Lieber! Wir sind gemeinsam geladen, also sehen wir uns die Sache auch gemeinsam an.“

„Vergiss es,“ entgegnete Heiland. „Sie wollen, dass wir uns an der Schweinerei beteiligen, also werden wir es tun. Haben wir eine Wahl?“ Er legte seinem Kabinettskollegen die Hand auf den Arm: „Keine zehn Pferde kriegen mich in diesen Helikopter…“

„Zu spät“, flüsterte Buchholz. Zwei Herren näherten sich ihrem Tisch, der eine im Anzug, der andere in offener Lederjacke. Buchholz stellte sie vor: „Sénor Vargas vom spanischen Informationsministerium, Miguel, unser Pilot.“

Der Bell Jet Ranger stand mit hängenden Rotorblättern auf dem Flugfeld wie ein flügellahmes Insekt. Heiland drückte sich neben Buchholz auf die rückwärtige Sitzbank. Der Pilot entfernte den Überzug vom Staurohr und drehte an der Benzinzufuhr. Seine Hand fuhr unter das Kabinendach, wo sie nach einer genau festgeschriebenen Choreographie zwischen Kipp- und Drehschaltern virtuos hin und her tanzte. Heiland vertraute sich dem Piloten an wie einem Arzt, der vor der Operation die Instrumente sortiert. In der Luft war ein Zwitschern, als hätte sich ein Vogelschwarm in der Kabine nieder gelassen.

Heiland krallte sich in den Sessel. Trotz aller Angst verursachte der Kurvenflug, in dem Algeciras wie ein Tischtuch unter ihnen weggezogen wurde, ein wohliges Kribbeln im Bauch. Die Schaumkronen auf dem Meer schienen schräg vom Himmel zu fallen, um gleich darauf, dem kippenden Horizont folgend, waagerecht auf sie zuzurollen. Er bekam eine Ahnung davon, wie es sich anfühlte, aus der Welt katapultiert zu werden, und es gefiel ihm. Insbesondere gefiel ihm, dass sich seine Verantwortung für diese Welt dabei in Nichts auflösen würde…

„In einer Stunde wird es dunkel,“ hörte er Vargas sagen, „allmählich dürften sie sich bereit machen da drüben. Die meisten versuchen es nachts. Sie kapieren einfach nicht, dass wir sie genau so gut im Dunkeln aufspüren können.“

„Wie viele sind es inzwischen pro Tag?“ fragte Buchholz.

„Wer weiß das schon. Einige Tausend. Die meisten stammen aus Schwarzafrika. Die Marokkaner gehen nicht gerade zimperlich mit denen um. Erst letzte Woche haben sie an der senegalesischen Grenze ein Flüchtlingscamp bombardiert. Allmählich aber geht ihnen Treibstoff und Munition aus. Wenn wir das Problem im Griff behalten wollen, müssen wir liefern…“

„Die GO!-Staaten haben ein striktes Waffenembargo verabschiedet,“ antwortete Buchholz irritiert.

„Ein Fehler,“ bemerkte Vargas trocken. „Es mag für Sie makaber klingen, aber ohne die Dezimierung im Vorfeld unserer Grenzen wäre Europa verloren. Die Menschen drängen zu Millionen an die nordafrikanischen Küsten. Marokko, Algerien und Tunesien sehen aus wie nach einem Heuschreckenangriff. Was nicht niet- und nagelfest ist, wird geklaut und zu Flößen umfunktioniert.“ Der Spanier reichte seinen deutschen Gästen die Karte. „Wir patrouillieren mit zwanzig Schnellbooten in der Straße von Gibraltar, außerdem sind ständig sechs Hubschrauber im Einsatz. Trotzdem gelingt es einem beträchtlichen Teil von Flüchtlingen, bei uns anzulanden. Womit wir beim Punkt wären: Der spanische Öko-Rat hat beschlossen, eine zusätzliche Pufferzone einzurichten. Der gesamte Küstenstreifen zwischen Huelva im Westen und Benidorm im Osten wird bis zu zwanzig Kilometer ins Landesinnere geräumt. Das macht natürlich nur Sinn, wenn dort genügend Militär präsent ist, um die Eindringlinge aufzuspüren.“

„Und dabei dachten Sie an uns?“ nuschelte Buchholz über die Karte gebeugt.

„An Sie, an die Franzosen, die Engländer, die Schweizer, egal… Alleine schaffen wir es nicht. Die Alternative wäre für niemanden verlockend.“

Heiland lauschte den Ausführungen des Spaniers eher beiläufig, er war viel zu sehr damit beschäftigt, Miguels Flugmanöver auszubalancieren. Als der Helikopter unvermutet nieder sackte, um plötzlich mit erhobenem Schwanz in niedriger Höhe stehen zu bleiben, wurde ihm schlecht. Buchholz reichte ihm eine Kotztüte.

„Hier haben wir es mit einem der typischen Flöße zu tun,“ dozierte Vargas im Tonfall eines Museumsführers. „Vier, fünf kräftige Balken aneinander genagelt, das ist es meist schon. Viele werden von der Strömung in den Atlantik gerissen.“

Heiland würgte eine gallige Flüssigkeit hervor und blickte mit tränenden Augen auf die See, die sich unter ihnen kräuselte. Inmitten dieses von peitschenden Rotorblättern entfachten Sturms kauerte eine Gruppe verängstigter Gestalten auf schaukelnden Planken. Fünf junge Männer, eine Frau. Sie saß als einzige aufrecht. Ihre Lippen bewegten sich wie im Gebet. Heiland kam sich in seiner Glaskuppel wie ein Alien auf Stippvisite vor.

Der Pilot zog die Maschine behutsam hoch, als sei ihm der Anblick peinlich. Von Backbord näherte sich in rasender Fahrt ein Schnellboot. Es hielt direkt auf das Floß zu und pflügte es unter. Sekunden später stob der Helikopter mit gesenktem Haupt auf die afrikanische Küste zu. Heiland erbrach sich erneut. „Es sind Hunderte!“ schrie Vargas, „zählen Sie mal mit.“

„Ab wo werden sie angegriffen?“ fragte Buchholz, um Kontenance bemüht.

„Sie werden gestellt, wo immer wir ihrer habhaft werden, Sénores! Was dachten Sie denn?“

Sie nahmen an der Küste Kurs auf die spanische Enklave Melilla. „Ich denke, wir haben genug gesehen“, sagte Heiland, als sie wieder einmal in geringer Höhe über die Köpfe der Flüchtlinge donnerten. Vargas gab dem Piloten das Zeichen zur Umkehr.

Eine Stunde später saßen die beiden Deutschen im Gästehaus des spanischen Öko-Rats und aßen zu Abend. „Wie viel Soldaten können wir ihnen bewilligen?“ fragte Heiland, „zwanzigtausend?“ Er schnupperte am Vino Tinto und blickte seinen Freund über den Rand des Glases belustigt an.

Buchholz verschwand auf sein Zimmer. Er wurde nicht schlau aus diesem Mann. Im Helikopter hatte Heiland Höllenqualen gelitten beim Anblick der verzweifelten Menschen, und jetzt erteilte er mit einem Augenzwinkern Unterstützung für dieses Schlachtfest an Europas verwundbarster Stelle.

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: Zaun von Ceuta (spanische Stadt an der Nordküste Afrikas)
Bildquelle: JUAN ANTONIO ORIHUELA / shutterstock

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