Mindestens fünf israelisch unterstützte palästinensische Milizen operieren aus Komplexen in der Nähe israelischer Militärstützpunkte im gesamten Gazastreifen, in Gebieten östlich der gelben Linie.
Mindestens fünf israelisch unterstützte palästinensische Milizen operieren aus Komplexen in Gebieten unter israelischer Militärkontrolle im gesamten Gazastreifen — dies belegen Satellitenbilder und online veröffentlichte Videos. Seit dem sogenannten Waffenstillstand, der vor fast einem Jahr in Kraft trat, wurden diese Komplexe nach einer vorläufigen Analyse von Forensic Architecture in Umfang und Ausgestaltung auf- und ausgebaut. Viele dieser Erweiterungen ähneln israelischer Militärinfrastruktur mit Erdwällen, Kasernen, Zäunen und Gebäuden. Mindestens ein Komplex im östlichen Rafah umfaßt neue Geschäfte, Klassenräume und einen Spielplatz.
Obwohl es einige Abspaltungen und Überläufer gegeben hat, sind die fünf wichtigsten israelisch unterstützten palästinensischen Milizen bekannt als:
- Nordkräfte/Volksarmee in Beit Lahia, angeführt von Ashraf Al-Mansi
- Volksverteidigungskräfte in Shujaiyya, östlich von Gaza-Stadt, angeführt von Rami Halas
- Kräfte für die freie Heimat im zentralen/östlichen Gaza nahe Deir al-Balah, angeführt von Shawqi Abu Nasira
- Sondereinsatzkommando zur Terrorismusbekämpfung im südöstlichen Chan Yunis, angeführt von Hussam al-Astal
- Volkskräfte/Dienst zur Terrorismusbekämpfung im östlichen Rafah, angeführt von Ghassan Al-Duhaini
Viele der Milizführer, die während des Genozids in Gaza in Zusammenarbeit mit Israel an die Macht kamen, sind ehemalige Bandenchefs mit einer Vorgeschichte krimineller Aktivitäten, waren mit dschihadistischen Gruppen verbunden oder sind ehemalige Sicherheitskräfte der Palästinensischen Behörde, die nach der Übernahme des Gazastreifens durch die Hamas im Jahr 2007 allesamt an den Rand gedrängt worden waren.
„Diese Milizen sind nicht bloß israelisch unterstützt. Diese Milizen sind israelisch geschaffen“, sagte Muhammad Shehada, Autor und Analyst aus Gaza sowie Gastforscher beim Europäischen Rat für Auswärtige Beziehungen, gegenüber Drop Site News. „Die IDF und der Shin Bet [israelischer Inlandsgeheimdienst] waren es, die diese Banden rekrutiert, finanziert, ausgebildet, mit Unterkunft, Verpflegung und so weiter versorgt haben, sie zusammengeführt und jedem einzelnen ein ganz bestimmtes Territorium zugeteilt haben, in dem er operiert.“
Vier der fünf Komplexe, in denen die Milizen stationiert sind, befinden sich in unmittelbarer Nähe der „gelben Linie“ — der Demarkationslinie der israelischen Kontrolle — und alle liegen nahe israelischen Militärstützpunkten. Israel hat im Gazastreifen nahezu 40 Militärstützpunkte in Gebieten östlich der gelben Linie errichtet. Ein Milizenkomplex im östlichen Chan Yunis, direkt an der gelben Linie, ist weniger als einen Kilometer von zwei israelischen Militärstützpunkten entfernt.
Zunächst bestand Israels vorrangiges Ziel für die Banden darin, ab etwa Mai 2024 die nach Gaza einströmende Hilfslieferungen systematisch zu plündern, während israelische Truppen tatenlos zusahen und nicht eingriffen. „Das war der erste Nutzen, den Israel für sie hatte: systematisch Hilfslieferungen zu plündern, während Israel glaubhaft abstreiten konnte“, sagte Shehada. „Schließlich steckte man sie in Polizeiuniformen mit palästinensischen Logos, um vorzutäuschen, sie seien eine Art legitime Autorität — begleitet von einer propagandistischen Psychologischen-Kriegsführungs-Operation.“ Er fügte hinzu: „Sie wurden plötzlich zu einer organisierten Miliz statt bloßer Räuber.“
Milizangehörigen wird von der israelischen Armee relative Bewegungsfreiheit gewährt sowie bevorzugter Zugang zu Ressourcen wie Waffen und medizinischer Behandlung innerhalb Israels. Milizen haben auch bewaffnete Überfälle und Angriffe auf Palästinenser durchgeführt, die in der Nähe der gelben Linie leben — in Koordination mit der israelischen Armee, die sie mit Artillerie- und Luftunterstützung gedeckt hat.
Mindestens ein Komplex im östlichen Rafah umfaßt neue Geschäfte, Klassenräume und einen Spielplatz. Ein am 2. April 2026 veröffentlichtes Video zeigt das Innere eines mit Klimaanlage ausgestatteten Klassenraums innerhalb des Komplexes der Miliz „Dienst zur Terrorismusbekämpfung“. In dem Video ist Ghassan Al-Duhaini zu sehen — der nach der Tötung des früheren Anführers Yasser Abu Shabbab die Befehlsgewalt über die Volkskräfte-Miliz, auch bekannt als Dienst zur Terrorismusbekämpfung, übernahm — wie er einen Klassenraum besichtigt, in dem Schulkinder unterrichtet werden. Diese Komplexe stehen nicht allen Palästinensern offen, sondern werden ausschließlich für eine ausgewählte Gruppe genutzt, darunter die Angehörigen der Milizmitglieder.
Seit dem sogenannten Waffenstillstand vor fast einem Jahr baut Israel Militärstützpunkte im östlichen Teil des von ihm kontrollierten Gebiets aus und errichtet eine physische Barriere, die die Palästinenser vom Großteil des Gazastreifens abschneidet. Parallel dazu wurden auch die Komplexe der israelisch unterstützten palästinensischen Milizen ausgebaut und befestigt — unter anderem unter Verwendung israelischer Baumaterialien wie T-Wänden (ein T-förmiges Strukturelement oder Wandpaneel).
Der fortlaufende Ausbau und die Befestigung der israelischen Militärstützpunkte und palästinensischen Milizenkomplexe stehen in krassem Gegensatz zu einem vollständigen Fehlen jeglichen Wiederaufbaus im westlichen Teil von Gaza, wo nahezu alle Palästinenser des Gazastreifens zusammengepfercht werden. Israel hat im vergangenen Jahr keine Wiederaufbaumaterialien und -geräte nach Gaza eingelassen — ein Verstoß gegen das Waffenstillstandsabkommen. Hunderttausende von Palästinensern leben in maroden Zeltlagern oder suchen Zuflucht in durch den israelischen Angriff schwer beschädigten Gebäuden, die einsturzgefährdet sind. Erst letzte Woche kamen beim jüngsten Vorfall mindestens 21 Palästinenser, darunter 12 Kinder, ums Leben und 45 weitere wurden verletzt, als in Gaza-Stadt ein Wohngebäude einstürzte. Schätzungsweise hatten über 100 Menschen, darunter 50 Kinder, in dem Gebäude Schutz gesucht.
„Was man über diese Banden wissen muß, ist, daß ihre Strukturen vollkommen nicht tragfähig sind“, sagte Shehada. „Sie wurden künstlich von der israelischen Regierung, der Armee, dem Shin Bet erschaffen — und das einzige, was sie zusammenhält, sind im Grunde die Bestechungsgelder, die sie von der IDF erhalten, der Schutz, den sie von der IDF erhalten, das Territorium, das sie bewohnen dürfen, mit ausgeweiteten Privilegien gegenüber der übrigen Bevölkerung im westlichen Gaza. Wenn diese Dinge wegfallen, werden die Banden auseinanderfallen.“
Die Forensic-Architecture-Analyse
Milizenkomplexe
Im Gazastreifen operieren mindestens fünf palästinensische Milizen in dem Gebiet unter israelischer Militärkontrolle. Dabei handelt es sich um palästinensische bewaffnete Gruppen, die von Israel unterstützt werden und von diesem mit Ressourcen und Bewegungsfreiheit ausgestattet werden.
Ihre Komplexe befinden sich im israelisch kontrollierten Gebiet, zwischen Militärstützpunkten.
Milizen erhalten Bewegungsfreiheit
Dieser Komplex in Chan Yunis liegt an der „gelben Linie“, weniger als 1 km von zwei israelischen Militärstützpunkten entfernt.
Ein Video zeigt die Gruppe beim Operieren im palästinensischen Gebiet.
Seit dem Waffenstillstand haben sich die Milizenkomplexe entwickelt
Ein weiterer Milizenkomplex liegt nahe einem israelischen Militärstützpunkt im östlichen Rafah. Diese Gruppe, bekannt als Dienst zur Terrorismusbekämpfung, bestand bereits vor dem Waffenstillstand, doch seit dem Waffenstillstand ist ihre Präsenz gewachsen.
Während Israel in der Umgebung weiterhin Gebäude abreißt, wurden dem Komplex neue Strukturen hinzugefügt. Videos belegen, daß er über neue Geschäfte, Klassenräume und einen Spielplatz verfügt — Einrichtungen, die ausschließlich Milizmitgliedern und deren Familien zugänglich sind.
Israel hat den Milizen den Einsatz schwerer Maschinen und israelischer Materialien gestattet.
Diese Erweiterungen weisen Ähnlichkeiten mit israelischer Militärinfrastruktur auf
Viele dieser Erweiterungen teilen architektonische Elemente mit israelischer Militärinfrastruktur: Erdwälle, Kasernen, Zäune und Gebäude.


