Exklusiv: Millionenverluste sorgen für Lizenzentzug bei einer der größten Sterbekassen

Der Bochumer Versicherungsverein ist eine der größten Sterbekassen in Deutschland. Nun ist die Bafin eingeschritten. Hintergrund sind nach Capital-Informationen Millionenabschreibungen

Share your love

Der Bochumer Versicherungsverein ist eine der größten Sterbekassen in Deutschland. Nun ist die Bafin eingeschritten. Hintergrund sind nach Capital-Informationen Millionenabschreibungen

Auf der Homepage des Bochumer Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit (BVaG) sieht alles noch aus wie immer. Der einzige Hinweis, dass etwas nicht stimmt, kommt nach einem Klick. Wer auf den Button „Jetzt Angebot anfordern“ klickt, erhält nicht etwa den neuesten Tarif der Sterbekasse. Stattdessen steht dort nur, dass der Tarifrechner nicht verfügbar sei, man solle sich gerne an den BVaG wenden.

Der Grund dafür ist aber kein technischer Defekt. Tatsächlich hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) der fünftgrößten Sterbekasse im Land die Lizenz entzogen. Hintergrund sind nach Capital-Informationen Abschreibungen in Höhe von ca. 30 Mio. Euro, die der BVaG vornehmen muss. Verloren gegangen ist das Geld offenbar vor allem in Immobilieninvestments. Nun droht die Abwicklung des traditionsreichen Vereins.

Es ist der nächste Fall eines institutionellen Investors, der mit Immobilieninvestments daneben gegriffen hat. Vergangene Woche berichteten SZ, NDR und WDR über mindestens 17 Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen, die Millionenbeträge in einem Immobilienfonds verloren haben. Mehr und mehr zeigt sich, dass ein System unter Druck gerät.

Lange Tradition von Sterbekassen

Sterbekassen wie der Bochumer Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit haben eine lange Tradition. Im Jahr 1968 wurde der BVaG von Mitarbeitern der Montanindustrie gegründet, heute zählt er mit 120.000 Mitgliedern zu den größten Sterbekassen in Deutschland. Die Mitglieder schließen ausschließlich eine Sterbegeldversicherung ab, die auf 8000 Euro begrenzt ist. Wenn das Mitglied stirbt, wird den Verbliebenen eine festgelegte Summe ausbezahlt, mit der diese etwa das Begräbnis bezahlen können. Anders als etwa klassische Lebensversicherungen sind Sterbekassen meist als Vereine auf Gegenseitigkeit organisiert – Überschüsse werden etwa an die Mitglieder ausbezahlt.

Von Überschüssen kann derzeit allerdings keine Rede sein. Viele institutionelle Investoren wie Versorgungswerke und Krankenkassen investierten nach der Finanzkrise in Immobilien. Diese versprachen in der Zeit der Niedrigzinsen eine deutlich höhere Rendite als etwa relativ sichere Staatsanleihen. Doch dann kam der russische Angriff auf die Ukraine, die Bauzinsen schossen in die Höhe und Projektentwickler gingen in die Insolvenz. In der Folge belasten viele dieser Investments heute die Portfolios. 

Investments in Pflegeheime und Wälder

So auch beim BVaG. Der hatte in den vergangenen Jahren vor allem in Pflegeheime investiert, die über Fonds der IMMAC-Holding aufgelegt wurden. So steckte die Sterbekasse Geld in Seniorenheime in Deutschland und Irland, außerdem in Immobilienfonds der Project-Gruppe. Doch schon in den Fondsabschlüssen zeigen sich massive Schwierigkeiten der Anlagen. Immer wieder sind Insolvenzen der Pächter eingetragen, hohe Verschuldungsquoten oder auslaufende Bankdarlehen vermerkt. Inzwischen sind sowohl die IMMAC-Holding als auch die Project-Gruppe insolvent. 

Auf Fragen von Capital zu den Investments in diese Fonds antwortete der BVaG, dass man sich zu einzelnen Anlagepositionen nicht äußere. „Richtig ist, dass Wertberichtigungen und Bewertungsanpassungen im Kapitalanlageportfolio wesentlich zur aktuellen Eigenmittelsituation beigetragen haben. Die abschließende Bewertung erfolgt im Rahmen der laufenden Abstimmungen mit Wirtschaftsprüfer, Aktuar und Aufsicht.“ Derzeit werde noch geprüft, wie hoch der Abschreibungsbedarf tatsächlich ist – und wie sich die Schieflage auf die Mitglieder sowie auf die Auszahlungen an Hinterbliebene im Todesfall auswirken werden. 

Allerdings hat die Krise der Immobilieninvestments nach Capital-Informationen dazu geführt, dass die Sterbekasse nicht mehr das vorgeschriebene Eigenkapital vorweisen kann. Das bestätigt der BVaG auf Anfrage. Eigentlich müsste der BVaG immer mindestens 2,5 Mio. Euro auf der hohen Kante haben – so schreibt es die Bafin vor. Die ist für die Aufsicht der 26 größten Sterbekassen im Land zuständig. Die übrigen, meist nur sehr kleinen Vereine unterliegen der Landesaufsicht.

Bafin schritt im Mai ein

Wie nun bekannt wurde untersagte die Bafin dem Verein bereits zum 26. Mai das Neugeschäft. Da der Verein kein Sanierungskonzept vorlegen konnte, kam es einen Monat später zum Lizenzentzug durch die Aufsicht. „Bestehende Verträge werden weiter betreut“, heißt es dazu vom BVaG. „Die Mitglieder werden im Rahmen dieses Prozesses geordnet informiert. Allgemeine Informationen zum aktuellen Stand werden zeitnah den Mitgliedern zur Verfügung gestellt.“ Individuelle Informationen würden Mitglieder erhalten, sobald die Mitgliederversammlung die erforderlichen Beschlüsse gefasst habe – und die nötigen Berechnungen vorlägen.

Die Bafin wollte sich auf Anfrage nicht zum konkreten Fall äußern. Allgemein stünden Sterbekassen aber aktuell vor erheblichen Herausforderungen. Es gebe systemische Probleme, die im begrenzten Geschäftsmodell von Sterbekassen begründet lägen.

Allerdings werfen nicht nur Immobilieninvestments des Vereins Fragen auf. Womöglich beschäftigt die Sterbekasse auch ein Interessenskonflikt. Der Bochumer Versicherungsverein ist mit 64,7 Prozent Kommanditkapital an der DFI Waldfonds Deutschland GmbH beteiligt. Der investiert in Wälder in ganz Deutschland, um diese klimaresilienter zu machen. Hinter dem DFI steht die Deutsche Forst Invest GmbH – deren Geschäftsführer ist Carsten Zielke, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des Bochumer Versicherungsvereins.

Auf Anfrage teilen der BVaG und Carsten Zielke mit, die Beteiligung am DFI-Fonds sei im Jahr 2012 erfolgt und damit deutlich vor der Bestellung von Carsten Zielke in den Aufsichtsrat im Jahr 2020. Die Doppelrolle sei bekannt gewesen, bei Beratungen und Beschlüssen zum Investment habe dieser nicht teilgenommen. Ursprünglich sei die Beteiligung dem Wunsch nach Engagement für den Klimaschutz entsprungen.

Beitrag teilen

Neue Beiträge und
Informationen direkt
per E-Mail erhalten.