In Europa wird der Ton gegenüber Russland immer schärfer. Regierungen und Geheimdienste warnen vor Sabotage, Cyberangriffen, Drohnen und einer möglichen direkten Konfrontation mit der NATO. Der niederländische Journalist Karel Beckman sieht darin eine regelrechte Kampagne: In seinem aktuellen Beitrag für De Andere Krant schreibt er, Europas „Kriegspropaganda“ habe inzwischen den Siedepunkt erreicht.
Auffällig sei vor allem die Gleichzeitigkeit der Warnungen. Aus verschiedenen europäischen Hauptstädten komme nahezu dieselbe Botschaft: Russland führe bereits einen „hybriden Krieg“ gegen Europa und die Bevölkerung müsse sich auf eine weitere Eskalation vorbereiten.
Als Belege werden unter anderem eine mit Sprengstoff ausgestattete Drohne beim Flughafen Leipzig, ein Brand bei einem Elektronikunternehmen in Polen sowie eine nicht identifizierte Drohne über Litauen genannt.
Doch genau hier liegt der entscheidende Punkt: Selbst die Zuordnung solcher Vorfälle zu Russland ist teilweise schwierig oder nicht abschließend belegt. De Andere Krant verweist darauf, dass auch niederländische Medien einräumen, eine russische Urheberschaft sei bei bestimmten Vorfällen „schwer zu beweisen“.
Trotz dieser Unsicherheit wird die Warnung inzwischen noch weiter zugespitzt.
Drei europäische Geheimdienstchefs erklärten laut Medienberichten, Russland könnte die NATO bereits „innerhalb weniger Monate“ mit kleineren, möglicherweise hybriden Angriffen auf NATO-Gebiet testen. Als mögliche Szenarien werden verstärkte Drohnenaktivitäten, Sabotage oder sogar begrenzte Aktionen an der NATO-Ostflanke genannt.
Damit entsteht ein bemerkenswertes Bild: Einerseits warnen Politik und Geheimdienste immer eindringlicher vor einer unmittelbar bevorstehenden russischen Bedrohung. Andererseits bleibt bei einzelnen Vorfällen offen, wer tatsächlich dahintersteht.
Beckman geht deshalb einen Schritt weiter. Er interpretiert die nahezu zeitgleichen Warnungen als politische Kampagne. Seiner Ansicht nach kommt deren Zeitpunkt nicht zufällig: Europäische Regierungen stünden innenpolitisch unter Druck, während gleichzeitig wirtschaftliche und energiepolitische Probleme drohten.
Erlebt Europa tatsächlich die Vorboten eines russischen Angriffs – oder wird die Bevölkerung bereits psychologisch auf eine wesentlich größere militärische Konfrontation vorbereitet?
Fest steht: Die Sprache verändert sich. Aus Warnungen vor Russland werden Warnungen vor einem möglichen Krieg. Aus einzelnen Drohnen- und Sabotagefällen entsteht zunehmend das Bild eines bereits laufenden „hybriden Krieges“.
Und parallel dazu steigen Europas Verteidigungsausgaben, Streitkräfte werden ausgebaut und die Bevölkerung wird verstärkt auf Krisen und mögliche militärische Szenarien vorbereitet.
Der entscheidende Unterschied zwischen Warnung und Propaganda liegt jedoch im Beweis. Gerade wenn aus ungeklärten Zwischenfällen weitreichende politische und militärische Konsequenzen gezogen werden sollen, müsste dieser Beweis besonders belastbar sein.


