KI-Medikament lässt biologische Altersuhren rückwärts laufen – Forscher sprechen von einem möglichen Durchbruch

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Ein Medikament, das mithilfe künstlicher Intelligenz entwickelt wurde, könnte nicht nur eine schwere Lungenerkrankung behandeln, sondern auch biologische Alterungsprozesse beeinflussen. Eine neue Studie im Fachjournal Nature Biotechnology liefert dafür erstmals klinische Hinweise. Die Ergebnisse sind bemerkenswert – auch wenn von einer bewiesenen Verjüngung des Menschen noch keine Rede sein kann.

Der Wirkstoff Rentosertib wurde von Insilico Medicine ursprünglich zur Behandlung der idiopathischen Lungenfibrose entwickelt. Bei dieser schweren Erkrankung vernarbt das Lungengewebe zunehmend, wodurch die Sauerstoffaufnahme beeinträchtigt wird. Mithilfe künstlicher Intelligenz identifizierte das Unternehmen zunächst das Zielprotein TNIK und entwarf anschließend ein passendes Molekül. Von der Identifizierung des Zielproteins bis zum präklinischen Wirkstoffkandidaten vergingen nach Unternehmensangaben rund 18 Monate.

Sechs Altersuhren zeigen in dieselbe Richtung

Für die neue Untersuchung analysierten Forscher Blutproben von 42 Patienten aus einer Phase-IIa-Studie über zwölf Wochen. Dabei untersuchten sie 2.841 Proteine und werteten die Ergebnisse mit sechs unabhängig entwickelten, proteinbasierten „Altersuhren“ aus.

Diese Modelle schätzen das biologische Alter anhand bestimmter Proteinmuster im Blut. Anders als das kalendarische Alter soll das biologische Alter Hinweise darauf geben, wie stark der Körper beziehungsweise einzelne Organe bereits von altersbedingten Veränderungen betroffen sind.

Das Ergebnis: Alle sechs Modelle zeigten bei den mit Rentosertib behandelten Patienten eine Verringerung des geschätzten biologischen Alters gegenüber Placebo. Der stärkste Effekt wurde nach vier Wochen bei einer Dosierung von zweimal täglich 30 Milligramm beobachtet. Je nach Modell entsprach die Veränderung ungefähr drei bis vier Jahren, bei einer Altersuhr sogar bis zu sechs Jahren.

Mehr als nur eine Verbesserung der Lunge?

Besonders interessant ist, dass die stärkste Verbesserung der Lungenfunktion nicht bei derselben Dosierung auftrat wie das stärkste Signal der biologischen Altersuhren. Die Forscher sehen darin einen Hinweis, dass Rentosertib möglicherweise nicht nur über die Behandlung der Lungenerkrankung wirkt, sondern auch eigenständige altersbezogene Prozesse beeinflussen könnte.

Das wäre von erheblicher Bedeutung. Denn bisher konzentriert sich die Medizin vor allem darauf, einzelne altersbedingte Krankheiten zu behandeln. Ein Wirkstoff, der gleichzeitig grundlegende biologische Alterungsprozesse beeinflusst, könnte einen völlig neuen therapeutischen Ansatz eröffnen.

Noch kein Beweis für eine allgemeine Verjüngung

Die Ergebnisse müssen allerdings vorsichtig interpretiert werden. Die Studie war klein, dauerte nur zwölf Wochen und untersuchte ausschließlich Menschen mit einer schweren Lungenerkrankung. Eine Verbesserung des Gesundheitszustands könnte selbst Veränderungen der gemessenen Altersmarker verursachen, ohne dass dadurch der allgemeine Alterungsprozess tatsächlich umgekehrt wird.

Auch der Kardiologe Eric Topol betonte gegenüber der New York Times, dass die Ergebnisse ermutigend seien, aber noch keine endgültige Beurteilung erlaubten. Entscheidend wäre eine entsprechende Studie an gesunden Menschen.

Rentosertib ist damit kein bewiesenes Anti-Aging-Medikament. Die Untersuchung zeigt jedoch, dass ein mithilfe künstlicher Intelligenz entwickelter Wirkstoff gleichzeitig eine Krankheit behandeln und messbare Veränderungen altersbezogener Biomarker hervorrufen könnte. Ob daraus tatsächlich eine Verlängerung der gesunden Lebensspanne entsteht, müssen weitere Studien zeigen.

Die wissenschaftliche Bedeutung liegt deshalb weniger in der Schlagzeile einer angeblichen „Verjüngung um sechs Jahre“ als in der Möglichkeit, künftig Medikamente gezielt auf Krankheits- und Alterungsprozesse zugleich zu entwickeln.

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