Der Euro spielt bei Stablecoins, also wertstabilen Digitalwährungen, bislang kaum eine Rolle. 37 europäische Banken wollen das ändern. Qivalis-Chef Jan-Oliver Sell erklärt, welche Vorteile das hätte
CAPITAL: Herr Sell, Qivalis wird von einem Konsortium von 37 Banken aus 15 europäischen Ländern getragen. Aus Deutschland sind Deka, DZ Bank und Helaba dabei. Sie wollen einen Euro-Stablecoin emittieren, also besichertes Geld auf der Blockchain. Warum?
JAN-OLIVER SELL: Banken setzen mehr und mehr auf die Blockchain und auf blockchainbasierte Prozesse. Einige bewegen sich sehr schnell in diese Richtung. Dafür benötigen die Banken ein Zahlungsmittel, doch auf der Blockchain sind bislang eigentlich nur Stablecoins in US-Dollar wirklich liquide genug, um Transaktionen abwickeln zu können.
Es mangelt also an Euro auf der Blockchain?
Genau. Der Euro macht etwa 20 Prozent der globalen Zahlungsströme aus, ist aber mit einem Anteil von 0,3 Prozent im Markt für Stablecoins auf der Blockchain praktisch nicht vertreten. Das läuft fast vollständig auf dem Dollar. Diese Lücke wächst, je mehr Finanzinfrastruktur auf die Blockchain wandert. Deshalb bauen wir eine europäische, bankgestützte Alternative.
Wie müssen wir ums den geplanten Stablecoin vorstellen?
Qivalis entwickelt einen Euro-denominierten Stablecoin gemäß der europäischen Kryptoregulierung Mica. Er wird eins zu eins durch Reservevermögen gedeckt und zum Nennwert einlösbar sein. Der Stablecoin richtet sich vor allem an institutionelle Nutzer für grenzüberschreitende Zahlungen, die Abwicklung tokenisierter Vermögenswerte und Liquidität in Euro auf der Blockchain. Die Reserve setzt sich laut Mica-Vorgabe aus kurzlaufenden Anleihen und mindestens 30 Prozent Bankeinlagen zusammen. Zusätzlich hält Qivalis als Emittent ein eigenes Kapitalpolster von mindestens zwei Prozent des Reservewerts. Das ist faktisch eine Übersicherung.
Vereinfacht gesagt: Man kauft einen Coin und zahlt dafür Geld von einem Bankkonto an sie. Und sie kaufen dafür kurzlaufende Anleihen oder halten das Geld auf einem Konto. Und man hat den Stablecoin.
Vereinfacht gesagt ist das richtig. Nur läuft das bei uns nicht über einen Direktkauf von Privatpersonen. Wir arbeiten mit Partnern wie Börsen, Zahlungsdienstleistern und Banken, über die der Coin dann genutzt wird, vor allem für grenzüberschreitende Zahlungen, etwa im Welthandel.
Der Welthandel wird bislang vor allem in US-Dollar abgewickelt.
Das stimmt. Wir machen in Gesprächen mit Partnern in Asien oder Lateinamerika aber die Erfahrung, dass das Interesse für grenzüberschreitende Zahlungen in Euro steigt. Das ist eine neue Zuwendung zu Europa als Stabilitätsanker in der aktuellen geopolitischen Lage. Wenn Unternehmen beispielsweise von Spanien aus große Summen Geld über die Blockchain nach Peru oder Kolumbien schicken wollen, ist das Stand heute in Euro-Stablecoins kaum möglich, weil es nicht genügend Liquidität gibt. Deshalb erfolgen solche Zahlungen vor allem in Dollar. Das gilt auch für Überweisungen von Arbeitsmigranten an ihre Familien.
Es gibt also den Bedarf, Transaktionen am Dollar vorbei abzuwickeln?
Das hören wir inzwischen mehr und mehr. Wir registrieren von verschiedenen Seiten großes Interesse am Euro.
Sie sprachen von Interesse aus Asien, wo der Euro bislang kaum eine Rolle spielt.
In Asien geht es im Grunde um alle Akteure, die an grenzüberschreitenden Zahlungen beteiligt sind. Das können Banken, aber auch Handelshäuser sein. Im Projekt Pangea arbeiten wir zum Beispiel mit verschiedenen Partnern, darunter koreanischen Banken, daran, Devisengeschäfte zwischen Europa und Südkorea deutlich schneller abzuwickeln. Dafür nutzen wir regulierte Stablecoins, die auf der einen Seite an den Euro und auf der anderen an den südkoreanischen Won gekoppelt sind.
Sie hatten ihren eigenen Stablecoin für dieses Jahr angekündigt. Bleibt es dabei?
Wie immer kommt es darauf an, wie schnell wir die Lizenz erhalten. Ich gehe davon aus, dass wir auf einem guten Weg sind, noch bis Ende des Jahres live gehen zu können.
