Japan sendet ein Warnsignal: Warum jetzt plötzlich alles für Gold spricht

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Was derzeit am japanischen Anleihemarkt geschieht, könnte weit über Tokio hinausreichen. Die Renditen japanischer Staatsanleihen steigen auf historische beziehungsweise jahrzehntelang nicht mehr erreichte Höhen. Gleichzeitig steht Gold nach einer außergewöhnlichen Rally bei über 4.400 Dollar. Für den Finanzexperten Matthew Piepenburg ist das kein Zufall: Japan zeige, wohin ein auf immer höheren Schulden und immer billigeren Währungen aufgebautes Finanzsystem letztlich führt.

Jahrzehntelang galt Japan als Beweis dafür, dass ein Staat praktisch unbegrenzt Schulden anhäufen kann, solange seine Zentralbank die Zinsen niedrig hält und im Zweifel selbst Staatsanleihen kauft. Die Bank of Japan schuf enorme Mengen Yen, die Renditen lagen zeitweise bei null oder sogar darunter – und das System funktionierte erstaunlich lange.

Doch nun bekommt dieses Modell Risse.

Die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen erreichte Anfang September erstmals seit 1996 wieder die Marke von 3 Prozent. Bei 30-jährigen Papieren wurden zeitweise 4,18 Prozent erreicht – ein Rekordniveau.

Das klingt zunächst nach einer trockenen Nachricht vom Anleihemarkt. Tatsächlich steckt dahinter eine Frage, die für nahezu jeden hoch verschuldeten westlichen Staat entscheidend ist:

Was passiert, wenn Schulden plötzlich wieder richtig Geld kosten?

Japan zeigt das Dilemma

Japan trägt eine Staatsverschuldung von mehr als 200 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Solange die Zinsen extrem niedrig waren, ließ sich diese Last finanzieren. Steigen die Renditen jedoch dauerhaft, steigen auch die Finanzierungskosten des Staates.

Genau hier beginnt das Dilemma.

Lässt die Zentralbank die Zinsen steigen, werden die Schulden immer teurer. Drückt sie die Renditen dagegen erneut durch massive Anleihekäufe und zusätzliches Geld nach unten, riskiert sie eine weitere Schwächung der Währung.

Piepenburg sieht deshalb Japan als „Kanarienvogel im Kohlebergwerk“. Seine These: Was heute in Tokio sichtbar wird, könnte morgen Washington und Europa treffen.

Und Japan ist tatsächlich kein isolierter Fall. Auch in den USA und Europa sind die langfristigen Finanzierungskosten gestiegen. Reuters spricht von einem globalen Anleihemarkt, in dem Investoren angesichts hoher Staatsverschuldung und Inflationsrisiken zunehmend höhere Renditen verlangen.

Genau hier kommt Gold ins Spiel

Gold produziert keine Zinsen und keine Unternehmensgewinne. Aber Gold besitzt auch etwas nicht: Es ist nicht die Schuld eines anderen.

Eine Staatsanleihe ist letztlich ein Zahlungsversprechen eines Staates. Eine Währung hängt vom Vertrauen in das dahinterstehende Geld- und Finanzsystem ab. Gold dagegen kann nicht von einer Zentralbank beliebig geschaffen werden.

Und genau deshalb ist seine Entwicklung bemerkenswert. Nach Angaben des World Gold Council stieg Gold allein im August um rund 13 Prozent – der drittstärkste Monatsanstieg innerhalb eines Vierteljahrhunderts. Der Rat sieht Sorgen über Defizite, Schulden und staatliche Eingriffe in die Anleihemärkte als Faktoren, die reale Vermögenswerte wie Gold weiterhin unterstützen könnten.

Aktuell werden Gold-Futures in New York bei rund 4.416 Dollar je Feinunze gehandelt. Auch die fortgesetzten Goldkäufe von Zentralbanken stützen den Markt.

Das Entscheidende ist deshalb möglicherweise nicht, dass Gold so stark steigt. Vielleicht verlieren vielmehr Papierwährungen und Staatsanleihen gegenüber Gold an Wert.

Eine Rechnung, die aufhorchen lässt

Piepenburg macht diesen Unterschied anhand der Aktienmärkte deutlich.

Der japanische Nikkei legte seiner Berechnung zufolge innerhalb von fünf Jahren nominal um 145 Prozent zu. In Gold gerechnet ergibt sich dagegen ein Verlust von 31 Prozent. Beim amerikanischen Nasdaq 100 sieht es ähnlich aus: nominal etwa 95 Prozent Plus, gegenüber Gold jedoch 23 Prozent Minus.

Noch drastischer fällt sein Vergleich mit amerikanischen Staatsanleihen aus: Über zwölf Jahre hätten sie gegenüber Gold rund 90 Prozent an Wert verloren.

Diese Rechnungen bedeuten nicht, dass Aktienbesitzer tatsächlich 31 oder 23 Prozent ihres Geldes verloren haben. Piepenburg wählt Gold bewusst als Vergleichsmaßstab. Aber genau damit stellt er eine unbequeme Frage:

Was ist ein Vermögensgewinn noch wert, wenn gleichzeitig die Maßeinheit – das Geld – an Kaufkraft verliert?

Japan könnte jetzt auch Amerika treffen

Noch brisanter ist eine zweite Entwicklung.

Japan war jahrzehntelang einer der wichtigsten Kapitalexporteure der Welt und ist der größte ausländische Besitzer amerikanischer Staatsanleihen. Weil japanische Anleihen kaum Rendite boten, floss viel japanisches Kapital in die USA und andere Auslandsmärkte.

Doch wenn japanische Staatsanleihen plötzlich wieder 3 oder sogar 4 Prozent abwerfen, verändert sich die Rechnung.

Fitch sieht bereits Anzeichen dafür, dass japanische Banken und Versicherungen heimische Anlagen wieder attraktiver finden. Reuters beschreibt die Entwicklung als mögliche Umkehr jahrzehntelanger Kapitalströme.

Fließt japanisches Kapital zurück nach Hause, fehlt dieses Geld möglicherweise als Käufer amerikanischer Staatsanleihen. Und ausgerechnet die USA müssen gigantische Schuldenberge refinanzieren.

Damit könnte ein gefährlicher Kreislauf entstehen: weniger ausländische Nachfrage nach US-Anleihen, höhere Renditen, höhere Zinskosten für Washington – und schließlich wachsender Druck auf die Federal Reserve, wieder stärker in den Markt einzugreifen.

Am Ende steht wieder die gleiche Entscheidung

Genau hier liegt Piepenburgs eigentliche Gold-These.

Hoch verschuldete Staaten können steigende Zinsen nur begrenzt verkraften. Werden die Finanzierungskosten zu hoch, wächst der politische Druck auf Zentralbanken, wieder einzugreifen.

Doch eine Rettung der Anleihemärkte durch neu geschaffenes Geld löst das Schuldenproblem nicht. Sie verschiebt es auf die Währung.

Entweder die Schulden werden schmerzhafter – oder das Geld wird weicher.

Gold steht außerhalb dieses Systems.

Deshalb sieht Piepenburg die Rekordrenditen in Japan nicht nur als japanisches Problem, sondern als Warnsignal für das gesamte westliche Schuldensystem. Seine Schlussfolgerung ist radikal: Physisches Gold sei nicht mehr bloß eine Beimischung im Portfolio, sondern eine Absicherung gegen die schleichende Entwertung des Papiergeldsystems.

Piepenburg ist allerdings Partner des Schweizer Edelmetallunternehmens VON GREYERZ und damit keineswegs ein neutraler Beobachter des Goldmarktes. Doch die Zahlen aus Japan stammen nicht von ihm.

3 Prozent bei zehnjährigen japanischen Staatsanleihen nach drei Jahrzehnten. Bis zu 4,18 Prozent bei 30-jährigen Papieren. Gleichzeitig Gold auf historisch extrem hohen Niveaus und zunehmende Zweifel an der Tragfähigkeit staatlicher Schulden.

Japan sagt seinen Bürgern nicht, sie sollen Gold kaufen.

Aber der japanische Anleihemarkt sendet eine Botschaft, die Anleger weltweit verstehen dürften: Wenn das Vertrauen in Schulden und Papiergeld zu bröckeln beginnt, wird Gold wieder zu dem, was es jahrhundertelang war – die Versicherung gegen das System selbst.

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